Der Spieler der FSV Münster, der am 27. Oktober in der Partie der Kreisliga C Dieburg gegen den TV Semd den Schiedsrichter brutal niederschlagen hatte, wurde vom Kreissportgericht des Fußballkreises Dieburg für drei Jahre gesperrt. Die Freie Sportvereinigung, die ihre Mannschaft nach den Vorfällen ohnehin abgemeldet hatte, belegte das Gericht mit einer sechsmonatigen Spielsperre und einer Geldstrafe in Höhe von 500 Euro.

URTEIL SPIELER

Das Handyvideo der Tat, die bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte, wurde zu Beginn der Verhandlung noch einmal gezeigt. „Das Video sagt eigentlich alles“, meinte Helmut Biegi (KSG Georgenhausen), der Vorsitzende des Kreissportgerichts, knapp 90 Minuten später in seiner Urteilsbegründung. „Wir gehen davon aus, dass die Tätlichkeit bewusst und gewollt ausgeführt wurde“, sagte Biegi zu Hayri G., der wie sein Opfer zur Verhandlung erschienen war. „Sie haben den Schlag so ausgeführt, dass sie abgesprungen sind und dann tänzelnd weggelaufen sind. Das passt eher in den Boxring, aber nicht auf den Fußballplatz.“ Die begangene Tätlichkeit gegen den Schiedsrichter sei als besonders schwerer Fall nach Paragraf 25, Absatz 3 der Strafordnung des Hessischen Fußballverbandes zu ahnden. Mit der dreijährigen Sperre schöpfte das Kreissportgericht den Strafrahmen voll aus. Die Vorfälle vom 27. Oktober müssten, so Biegi, insbesondere da es gegen den „Schiedsrichter als neutrale Person unseres Fußballspiels“ gegangen sei, „aufs Allerschärfste“ geahndet werden.

Hayri G., der frühestens am 28. Oktober 2022 wieder am Spielbetrieb teilnehmen darf und sich voraussichtlich auch noch in einem Strafprozess verantworten muss, machte zum Ablauf der Geschehnisse auf dem Platz keine Angaben. Er drückte aber sein Bedauern aus: „Ich habe einen Fehler gemacht, ich entschuldige mich dafür. Ich bereue die Tat. Es ist passiert, leider kann ich die Zeit nicht mehr zurückdrehen“, meinte G., der von der FSV Münster aus dem Verein ausgeschlossen wurde. Er werde „auf jeden Fall“ noch auf Schiedsrichter Nils Czekala zugehen, um sich persönlich bei ihm entschuldigen.

URTEIL VEREIN

Da nach Paragraf 37 der HFV-Strafordnung auch der Verein, dessen Spieler einen Abbruch verursacht hat, mit in der Verantwortung steht, wurde die FSV Münster mit einem sechsmonatigen Spielverbot und einer Geldstrafe in Höhe von 500 Euro belegt. „Wir sind schon der Meinung, dass nicht alles getan wurde, um derartigen Aggressionen im Spiel frühzeitig Einhalt zu gebieten“, meine Helmut Biegi in der Urteilsbegründung. Die 500 Euro Geldstrafe seien „ein deutliches Signal“.

In der Verhandlung hatten der Vorsitzende Hans-Peter Samoschkoff und Fußball-Abteilungsleiter Hans Schwarzer die FSV Münster vertreten. „Dass eine Strafe erfolgt, ist ganz klar und richtig“, meinte Samoschkoff zu Verhandlungsbeginn. Der Vorsitzende betonte aber, dass der Verein nach Vorfällen in der Vergangenheit reagiert und präventive Maßnahmen ergriffen habe. So habe man die Spieler etwa in Mannschaftsbesprechungen sensibilisiert. Einige Akteure, darunter auch Hayri G., seien in der Vergangenheit nach Platzverweisen über die Sperre des Verbandes hinaus vereinsintern gesperrt worden. „Als Denkanstoß, dass so ein Verhalten nicht geht“, wie es Hans Schwarzer formulierte. „Wir wollten klar stellen, dass der Verein reagiert und nicht tatenlos zugesehen hat. Mehr kann ein Verein nicht machen“, meinte Hans-Peter Samoschkoff.

Am 6. Oktober hatte die FSV im Spiel bei Kickers Hergershausen schon einmal einen Spielabbruch verschuldet, der in der Woche vor dem Semd-Spiel vor dem Kreissportgericht verhandelt wurde. „Vor dem Semd-Spiel war ich auch in der Kabine, habe gesagt: Männer, so geht das nicht, bringt Ruhe rein und spielt euren Fußball. Aber was sollen wir machen, wenn der Spieler raus geht und quasi austickt?“, fragte Hans Schwarzer. Im Laufe der Verhandlung hatte sich Tim Stehl, Referent Recht und Sportgerichtsbarkeit beim Hessischen Fußballverband, als Vertreter des HFV ein noch konsequenteres Vorgehen des Vereins, beispielsweise durch den Einsatz eines Konfliktmanagers, gewünscht.

SCHIEDSRICHTER SCHILDERT SPIELVERLAUF

Nils Czekala, der nach dem Faustschlag bewusstlos war und mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden musste, geht es mittlerweile wieder besser. Das berichtete er am Beginn seiner Zeugenaussage. Er sei nur noch in dieser Woche krank geschrieben. An die Tat selbst kann sich der 22-Jährige nicht mehr erinnern, der Spielverlauf bis zur folgenschweren 85. Spielminute ist ihm aber präsent. Die erste Hälfte sei „ziemlich unspektakulär“ verlaufen. Diskussionen habe es lediglich gegeben, als er einem Tor der Münsterer wegen einer Abseitsstellung die Anerkennung verweigerte. „Ich bin aber mit keinem schlechten Gefühl in die Pause gegangen“, so Czekala.

In der zweiten Hälfte wurde Hayri G. eingewechselt. Im weiteren Spielverlauf habe ihn, so der Schiedsrichter, ein Semder Spieler darauf aufmerksam gemacht, dass dieser von G. bedroht worden sei. Helmut Biegi stellte zu Beginn der Verhandlung in den Raum, dass die Formulierung „Ich bring dich um“ gefallen sein könnte. Eine Bedrohung konnten die anwesenden Zeugen nicht bestätigen, da sie davon nichts mitbekommen hätten. Der Semder Spieler, der sich von G. bedroht fühlte und ebenfalls als Zeuge geladen war, fehlte bei der Verhandlung aus beruflichen Gründen.

G. wurde zudem vorgeworfen, im Laufe der zweiten Hälfte hinter dem Rücken des Schiedsrichters eine Tätlichkeit gegen den bereits erwähnten Sender Spieler begangen zu haben. Da er die Aktion nicht gesehen hatte, habe er sie auch nicht ahnden können, so Czekala. Jedenfalls sei die zweite Hälfte deutlich hektischer und von vielen Foulspielen geprägt gewesen. Nach einer Stunde hatte bereits Münsters Spielertrainer die Gelb-Rote Karte gesehen. In der 85. Minute zeigte Czekala nach einem weiteren „ziemlich unnötigen“ Foulspiel G., der bereits verwarnt war, die Gelb-Rote Karte. Kurz darauf folgte der brutale Schlag. Für Czekala nach wie vor völlig unverständlich. „Ich kann es mir bis heute nicht erklären.“

Von der FSV Münster hätte sich der Schiedsrichter gewünscht, dass in der zweiten Hälfte „mal ein Vereinsverantwortlicher auf die Mannschaft einwirkt“. Die Semder Spieler hätten sich vor dem Hintergrund, dass in der zweiten Hälfte einer ihrer Spieler wahrscheinlich Opfer einer Tätlichkeit geworden war, „sehr professionell und ruhig“ verhalten. Die Entschuldigung der Verantwortlichen der FSV Münster im Nachgang sei „sehr ehrlich und respektvoll“ gewesen, so Nils Czekala  „Es tut mir auch leid, dass nun der ganze Verein darunter leidet, dass sich die Fußballmannschaft daneben benommen hat." Auch die Familie des Täters habe sich über seine Eltern bei ihm entschuldigt und wollte auch den Kontakt zu Hayri G. herstellen. Dazu sei es aber bislang nicht gekommen. „Ich habe erst einmal abgeblockt, da ich von der Situation überfordert war“, so Czekala.