Eigentlich wollte Oskar Lotz seinen 80. Geburtstag am 23. April gebührend feiern. An den pandemiebedingten Einschränkungen kommt aber auch der Urberacher, der in seiner Fußballerlaufbahn für den OFC, die Eintracht und den FSV spielte, nicht vorbei. Sobald sich die Lage normalisiert habe, werde die Feier aber nachgeholt, verspricht Lotz. So wird der „Ossi“, wie er von allen gerufen wird, daheim mit Ehefrau Elfriede auf den runden Geburtstag anstoßen. Vielleicht blättert das Paar auch ein wenig in Zeitungsausschnitten von früher. Die ereignisreiche Fußballerlaufbahn ihres Mannes hat Elfriede Lotz-Frank nämlich in mehreren Alben sehr gut dokumentiert. Bildergalerie und Video-Interview weiter unten.

Hessenpokalsieg mit Heimatverein Viktoria

Da ist zunächst einmal die Anfangszeit daheim in Urberach. 1957 stieg Lotz im Alter von nur 17 Jahren mit dem FC Viktoria in die 1. Amateurliga auf. Anschließend gestaltete er vier Jahre die sportlich erfolgreichste Zeit des heutigen Verbandsligisten maßgeblich mit. In der Saison 57/58 wurde die Viktoria als Neuling gleich Dritter in der 1. Amateurliga, der damals dritthöchsten Spielklasse. Zudem gewann Urberach durch einen 1:0-Sieg gegen den VfL Marburg den Hessenpokal. Schon bald meldeten höherklassige Vereine ihr Interesse an, zu einem Wechsel zu Kickers Offenbach kam es aber erst 1961 nach dem Abstieg der Viktoria. Einem früheren Transfer hatte Oskar Lotz mit Rücksicht auf die Familie nicht zugestimmt. Seine Mutter, die in Urberach einen Friseursalon betrieb, fürchtete, bei einem Weggang ihres Sohnes von der Viktoria einen Teil ihrer Kundschaft zu verlieren. Im Rückblick ist Oskar Lotz froh, dass der Wechsel aus der „Wüste“, wie er seinen Heimatort beim Vergleich mit der großen Fußballwelt in einem Interview einmal scherzhaft nannte, zum OFC erst mit 21 zustande kam. „Bei der Viktoria konnte man sich gut entwickeln, das waren tolle Jahre.“

Donnerwetter vom "eisernen Hermann"

Ähnliches sagt Lotz auch über seine Zeit beim OFC. Für den spielte er ab 1965 zunächst zwei Jahre in der damals höchsten Spielklasse, der Oberliga Süd. Sein Debüt feierte der schnelle und torgefährliche Dribbler am Flügel am 6. August 1961 beim 4:2-Heimsieg gegen Schwaben Augsburg als Rechtsaußen. Die OFC-Mannschaft hatte damals einen unumstrittenen Chef. „Der Hermann stand über uns“, erinnert sich Lotz, dass der Respekt vor seinem viereinhalb Jahre älteren Mitspieler Hermann Nuber, zu dem er auch heute noch Kontakt hat, gerade in der Anfangszeit groß war. Eine Anekdote aus einem Spiel beim VfB Stuttgart belegt das: Auf Vorarbeit von Siggi Gast hatte Lotz „aus zwei, drei Metern“ am Tor vorbei geschossen. Hermann Nuber war wohl etwas die Sicht aufs Tor versperrt, jedenfalls ging er davon aus, dass Lotz die tausendprozentige Chance genutzt hatte und holte ihn zum Jubeln ab. Der vermeintliche Torschütze traute sich erst an der Mittellinie, nachdem er genügend Abstand zwischen sich und Nuber gebracht hatte, seinen Fehlschuss zu beichten. Das anschließende Donnerwetter des „eisernen Hermann“ sei angemessen ausgefallen, erinnert sich Ossi Lotz heute lachend.

Bei Herberger angeklopft

Der OFC belegte in der Oberliga Süd die Plätze vier (61/62) und sieben (62/63), für Lotz lief es gut. Er spielte sich sogar in den erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. „Mit Lotz zur Weltmeisterschaft nach Chile?“, titelte eine Zeitung 1962. Zur WM-Nominierung durch Bundestrainer Sepp Herberger kam es dann zwar nicht, Lotz absolvierte aber immerhin drei Spiele in der U23-Nationalmannschaft. Nach der bis heute viel diskutierten und als große Ungerechtigkeit empfundenen Nichtberücksichtigung der Kickers für die neu gegründete Bundesliga ging es für Lotz, der fortan oft an der Seite von Siggi Held und Siggi Gast stürmte, beim OFC noch zwei Jahre in der zweitklassigen Regionalliga Süd weiter. Jeweils als Dritter verpassten die Kickers die Aufstiegsrunde zur ersehnten Bundesliga.

Bildergalerie "Ossi Lotz wird 80" mit aktuellen Fotos und Aufnahmen aus den 50er Jahren

Hauptfigur im "Fußballkrieg vom Main"

Lediglich an das Ende seiner Offenbacher Zeit hat Oskar Lotz keine allzu gute Erinnerungen. Durch seinen Wechsel zur Eintracht im Sommer 1965 entbrannte „Der Fußballkrieg vom Main“ zwischen den „feindlichen Brüdern“ OFC und Eintracht, auch das eine Zeitungsschlagzeile. Die Kickers verlangten für ihren wechselwilligen Stürmer die damals höchstmögliche Ablösesumme - stolze 50.000 Mark. Die Frankfurter wollten so viel aber nicht zahlen. Erst kurz vor dem ersten Testspiel der neuen Saison gab die Eintracht nach. „Ich wusste um zwei Uhr mittags noch nicht, ob ich am Abend für die Eintracht gegen Sofia oder für die Kickers gegen Anderlecht spielen werde. Der Scheck war noch nicht da, kam dann aber doch“, erinnert sich Lotz an die Hängepartie, in dessen Verlauf er sich aus seiner Sicht aus gutem Grund auf die Seite der Eintracht geschlagen hatte. Habe ihm Kickers-Präsident Horst-Gregorio Canellas doch im Jahr zuvor nach einem Schlüsselbeinbruch („Ossi, ich glaube, dass wird nichts mehr mit Dir..“) die Sportinvalidität nahe gelegt.

OFC und Eintracht bauen Lotz-Haus

Trotz des turbulenten Endes seiner Offenbacher-Zeit lässt Lotz bis heute nichts auf den OFC kommen. Er spielte später auch lange bei den „Waldis“, der Traditionsmannschaft des OFC. „Es war bei beiden Vereinen schön, beim OFC und bei der Eintracht.“ Beide Clubs waren schließlich auch maßgeblich am Bau des Eigenheimes der Familie Lotz in der Urberacher Friedhofstraße beteiligt. „Wir wohnen seit 1966 in dem Haus, das der OFC und die Eintracht bezahlt haben“, erinnert sich Lotz gerne. Das Geld für den Keller sei noch vom OFC gekommen, den Rest des Hausbaus habe man nach dem Wechsel dann mit den Eintracht-Gehältern finanziert. In der heutigen Zeit, in der Häuser ja manchmal auch ohne Keller gebaut werden, dürften sich die finanziellen Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Erzrivalen noch stärker in Richtung Eintracht verschoben haben.

Meisterschale knapp verpasst

Oskar Lotz war nach dem Wechsel der Mainseite jedenfalls drei Jahre vor dem OFC, der 1968 aufstieg, in der Bundesliga gelandet. Auf den „Fußballkrieg vom Main“ folgte die erfolgreichste Zeit seiner Karriere. In den vier Bundesligajahren bei der Eintracht, drei davon unter dem von ihm sehr geschätzten Trainer Elek Schwartz („Ein Weltmann, mein bester Trainer“) brachte es der Flügelflitzer auf 19 Tore in 97 Bundesligaspielen. 1965 debütierte er vor 52.000 Zuschauern beim 2:0-Heimsieg der Eintracht gegen den Hamburger SV. Lotz bildete gemeinsam mit Jürgen Grabowski, mit dem Lotz heute noch regelmäßig telefoniert, Wilhelm Huberts und Istvan Sztani den Angriff. 

"Haben die Welt gesehen"

Während der Eintracht-Zeit von Oskar Lotz belegte die SGE die Plätze sieben, vier, sechs und acht. In der Saison 66/67, in der die Eintracht letztlich Vierter wurde, spielte man lange um die Meisterschaft mit. Der Titel ging schließlich überraschend an Eintracht Braunschweig. Lotz bestritt als einziger Eintrachtler in dieser Saison alle 34 Ligaspiele. Aber auch die Europacupduelle im damaligen Messepokal, heute vergleichbar mit der Europa League, und die Freundschaftsspiele im Ausland blieben Lotz in sehr guter Erinnerung. „Wir haben die Welt gesehen.“ Unter anderem ging es in der Sommer- und Wintervorbereitung nach Argentinien, Mexiko, Ägypten und Japan. Im Messepokal schaffte es die Eintracht in der Saison 66/67 bis ins Halbfinale, wo man knapp an Dinamo Zagreb scheiterte.

Flucht vor "Lieblingstrainer" Ribbeck

Als der damalige Jung- und viel spätere Bundestrainer Erich Ribbeck 1968 die Eintracht übernahm, wurden die Einsätze von Oskar Lotz weniger. Die Methoden seines nur drei Jahre älteren Trainers stießen bei Lotz („Ich bin Fußballer und kein Leichtathlet“) nicht unbedingt auf Gegenliebe. Da war der Urberacher, der viele Jahre im Außendienst und später bis zur Rente als Werkstattleiter bei der Firma Peter Herdt & Söhne tätig war, froh, auch während seiner Eintracht-Zeit immer nebenbei einem „ordentlichen“ Beruf nachgehen zu können. „Wir haben lange nicht so viel verdient wie die Spieler heute, aber wir hatten immer gute Laune. Auch weil wir wussten, dass wir nicht nur den Fußball hatten.“ Manchmal war Lotz sogar froh, dass er sich, wenn auch nur für wenige Stunden, vom Frankfurter Riederwald zur Arbeit bei der Firma Herdt verabschieden konnte. „Wenn ich mir heute überlege, dass ich mit dem Trainer Ribbeck den ganzen Tag auf dem Sportplatz hätte verbringen müssen…“, schmunzelt Lotz. Während er bei der Firma Herdt arbeiten ging, hätten sich seine Teamkollegen Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein, die bereits Vollprofis waren, die Zeit am Riederwald übrigens mit Autorennen und Kartenspielen vertrieben. Auch diese Anekdote erzählte Oskar Lotz einmal lachend in einem früheren Interview. 

Karriere-Ausklang beim FSV Frankfurt

Lotz hatte bei der Eintracht zwar noch zwei Jahre Vertrag, verabschiedete sich aber dennoch im Sommer 1969 mit 29 Jahren vorzeitig vom Riederwald nach Bornheim. Beim FSV Frankfurt, der 1970 aus der Regionalliga absteigen musste, ließ er seine Laufbahn ausklingen. Außerdem war Lotz („Ossi, Du hast bei uns so einen guten Vertrag, da kannst du nebenbei auch noch die Damenmannschaft trainieren“) eine Zeit lang als Coach des gerade neu gegründeten Frauenteams beim späteren Deutschen Meister aktiv.

"Fit und sehr zufrieden"

Dem Fußball blieb Lotz später als Trainer im Amateurbereich, unter anderem bei der TG 75 Darmstadt, in Mühlheim und in Dieburg, treu. In Sachen Sport verlagerte er sich im Laufe der Jahre auf Tennis und Golf, beide Sportarten betreibt er auch heute noch. Die Arbeit im heimischen Garten und die Spaziergänge mit seinem Hund halten ihn ebenfalls auf Trab. „Ich bin fit und sehr zufrieden“, freut sich Lotz, woran auch Ehefrau Elfriede einen großen Anteil habe. Spiele in den Stadien in Frankfurt und Offenbach schaut sich Lotz nicht mehr an, dazu ist ihm der Aufwand zu groß. Bei Verbandsliga-Heimspielen der Viktoria ist Lotz, der mit seiner Frau Elfriede zwei Töchter und vier Enkelkinder hat, aber weiter regelmäßig zu Gast. Ein paar mehr Zuschauer, als heute in den Amateurligen oft der Fall, wünscht Lotz seinen fußballerischen Enkeln und Urenkeln allerdings.

Video: Interview mit Oskar Lotz (von 2011)